Die Kunst der Zukunft wird wohl eine Kunst sein, die abstrakt ist und dennoch voller Gefühle.“                                          (Barnett Newmann 1905 - 1970)

Die Kunst der Zukunft wird wohl eine Kunst sein, die abstrakt ist und dennoch voller Gefühle.“

Ausstellung bis September 2010:

Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Emotionen“ mit Malerei von Ingrid Diehl im Rhein-Main-Zentrum für Diagnostische Radiologie Weiterstadt am 29.08.2010 von Anja Trieschmann

Die Kunst ist bestimmt, zu beunruhigen; die Wissenschaft macht sicher. (2x) (Georges Braque, franz. Maler & Grafiker 1882-1963)

Ein Satz wie ein Schleudertrauma. Zack, Faustschlag ins Genick: Die Kunst - das sagt der Satz implizit - ist nicht bestimmt, zu verhübschen - etwa einen Raum, eine Wand zu schmücken. Sie ist nicht bestimmt, eine heile Welt vorzugaukeln, in Sicherheit zu wiegen, Schönwetter zu machen. Sie ist kein Weichspülgang, der Sinne kuschelt. Im Gegensatz zur Wissenschaft - die mit Fakten, mit Verifizierbarem, Messbarem anrückt, um Sicherheiten zu erzeugen - übernimmt die Kunst die Rolle der zweifelnden Schwester: Ist es so oder nicht vielmehr ganz anders? Sie ist bestimmt, zu beunruhigen. Sagte einst Georges Braque. Einer, der die Welt mittels Malerei gründlich auf den Kopf stellte. Der sie analysierte und zerlegte, in Würfel, die sich scharfkantig durchdrangen und schnitten. Kuben, nichts als Kuben, schimpfte ein Kritiker. Davon hat Braques Malstil seinen Namen weg: Kubismus. Sein Ziel war es, die Natur, also das, was man sieht, umzuwerten. Alles einmal ganz anders zu betrachten, als man es gewohnt war. Betrachte einmal ein Ding, einen Gegenstand von allen Seiten und das gleichzeitig - was siehst du - fragten sich Braque und Kollege Picasso - und zerlegten und dynamisierten die Welt in ihren Bildern, brachten die Welt, wie sie sie sahen, zum Explodieren.

Keine Sorge - ich verliere mich nicht in kunsthistorischer Wiederaufbereitung und referiere nicht über Braque und Picasso. Aber, wie Ihnen sicher nicht entgangen ist, befinden wir uns hier in eben jenem Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Kunst, das in Braques Zitat das zentrale Gegensatzpaar bildet: Denn wir eröffnen eine Ausstellung mit Malerei von Ingrid Diehl in einer Hochburg miteinander verzahnter Wissenschaften - einem High-Tech- Diagnostik-Zentrum, das antritt, die Unwägbarkeiten der menschlichen Grundordnung zu minimieren. Gesundheitsrisiken herabzusetzen, bedeutet ein Maximum an Sicherheit anzustreben. Wissenschaft macht sicher - sagt Braque. Eine These, über die Sie später noch bei einem Glas Wein Gelegenheit haben werden, mit den diensthabenden Ärzten zu diskutieren.

Umdeuten - Welt mit neuen Augen sehen - das liegt auch der Malerei von Ingrid Diehl zugrunde. Denn was tut sie: Sie schaut sich ihre Umgebung an - nimmt sie nach innen, spült sie durch ihren Körper und durch die Sinne, die Hände, wieder hinaus. Verwandlung geschieht in diesem Prozess. Ein Beispiel. Denken Sie sich einen Strand. Wasser, das an den Sand sprudelt, Menschen, die auf dem Sand oder auf einer Promenade flanieren, die in das Sonnengefunkel auf den Wellen schauen - ein Spiel aus Farben, Bewegung und Lichtreflexen. Und jetzt sehen Sie sich an, was Ingrid Diehl daraus macht: Die Farben - das Blau des Wassers, das Gelb des Sandes - diese Klischees von Sommersandständen - hat sie geschluckt; hat sie eingetauscht gegen Grautöne, erdige ruhige Flächen, reduziert in der Farbtönung, der Stille wegen. In ihren Großformaten, die zur Serie mit dem Titel „Atelier Erde“ gehören, isoliert sie das Festland vom Fließenden, vereinzelt Felsbrocken, die sie plastisch aus der Farbfläche hebt und mit einer Vielzahl versteckter Farbakzente ausstattet. Es ist ein Ordnungs- und ein Schöpfungsvorgang: das Scheiden von Fest und Flüssig. Und es ist ein Kontrastierungsvorgang: flächiger Farbauftrag umspült dicke Spachtelhügel, Reliefs aus Erde, Bindemittel und Pigment. Mittels Reduktion, Trennung und Kontrastierung wird aus einem Strand ein Ort der Stille - geografisch undefinierbar, assoziativ offen, denn was für den einen eine Nordpol-Einöde ist, könnte einem anderen Betrachter wie ein Panorama von Berggipfeln erscheinen, das sich aus dem Frühnebel herausschält. Die Motive sind offen gelassen, frei deutbar. Nicht Abbildung einer spezifischen Gegend. Sondern Seelenlandschaft.

Die Stille suchen, das bauchen Menschen heute, sagte Ingrid Diehl in einem Vorgespräch. Dazu will sie mit ihren Bildern anregen. Menschen, die hier unruhig auf ihre Diagnose warten, möchte sie dazu verlocken, sich in die im Bild angebotene Stille zu versenken. Vielleicht um Kraft zu tanken, die in der Stille mehr zu haben ist als anderswo. Mit ihren Bildern will sie Mut machen zur Sammlung, zur Kon-zentration, zur Hinwendung ins Zentrum, zu dem Wenigen, das wesentlich ist im Leben. Wenig Farbe. Wenig Landschaft. Schlichter Kontrast. Oder, wie in den Bildobjekten zum Thema Strand, die ebenfalls mit Grautönen spielen, aber vom Ausschnitt her gedacht sind: Nur an den Rändern ist ein schlieriges Zerflimmern von Farbe angedeutet, als spiegelten sich Himmel und Menschen in Pfützen. Ansonsten: Krustige Farbfläche, Ruhepol fürs Auge - „Jenseits der Stille“ nennt sie diese Bildserie - eine entgegenständlichte, farbreduzierte Umdeutung der Welt.

Wer malt, deutet Welt. Welterleben ist für die Malerin, neben dem Bedürfnis nach Stille, auch das sprühende, berstende Leben, die konzeptfreie Explosion, das Verschwenderische, das aus allen Nähten zu platzen scheint. „Emotionen“ nennt sie nicht zu Unrecht die aus dieser Haltung entstandenen Bilder, in denen schrilles Farbpigment schliert, kleckert, zerfließt, blubbert und bröselt, das sich mit Bindemittel zur transparenten Suppe vereinigt oder schnippisch darunter abtaucht. Schicht um Schicht wird die durchsichtige Glibbermasse aufgetragen, mit dem Pinsel, dem Spachtel, mal blank, dann wieder mit Farbe besprenkelt oder durchsäuert. Auf diese Weise entsteht der Eindruck, man sehe in die Tiefe, wie in einen See hinein, der mit einer Eisschicht überzogen ist. Gehen Sie einmal nah heran an die Bilder und suchen Sie nach den verborgenen Spuren, die von den darüber liegenden Schichten überdeckt sind. Nur schemenhaft, undeutlich wird das Vergangene sichtbar - die grafischen Spuren der Vorzeichnung, die Farblinien, Kleckse von früheren Pinselphasen.

Das Experimenthafte, Prozessartige daran ist der Malerin wichtig - das Spontane, Ungeplante, die Überraschung. Was passiert, wenn Spüli in die Farbschmiere kleckst? Oder Spiritusspritzer den Binder äzt? Ingrid Diehl treibt Neugierde zum Versuch - und wenn eine Beobachtung überzeugt, wird sie im nächsten Bild gezielt eingesetzt. Die Kunst ist keine Angelegenheit der Spekulation, des grübelnden Denkens, der Wissenschaft, sondern des Empfindens, vermittelt durch die Sinne. (C.A. Loosli) Ein Ausspruch, den wohl auch Ingrid Diehl unterschreiben könnte. Und auch ihre vor Energie sprühenden Arbeiten, in denen, wer will, Möwen oder andere Flug- und Freiheitssymbole entdecken kann, sind Angebote für die Betrachtenden: als Blitzableiter für aufkommende Emotionen. Bleibt zu wünschen, dass die Bilder - die übrigens täglich von 6 Uhr morgens bis 22.30 Uhr in der Nacht betrachtet werden können - dass diese Bilder also den Umgang mit den in diesen Räumen erlebbaren Gefühlen abfedern oder katalysieren helfen.